Kapitel
1: Der Silberfisch
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Er mochte Silberfische. Ob damit das Dilemma begann, oder ob dies gerade
das Dilemma war, lässt sich im Nachhinein nicht mehr genau sagen;
Tatsache ist: er mochte Silberfische. Auch wenn manche sagen, sie würden
Krebs hervorrufen - er wusste das nicht. Und wollte es auch nicht wissen.
Im übrigen spielte es auch keine Rolle. Vieles spielte im Leben von
Heinz Rathaus keine Rolle: er hoffte auf nichts, hatte nicht einmal einen
Traum. Auch Silberfische hatten lange Zeit keinen Platz in seinem Leben
gehabt, so dass er mindestens genauso lange auch nicht wusste, dass er
sie überhaupt mochte, bzw. dass sie für sein Dilemma verantwortlich
sein sollten. Doch dazu später, fürs erste reicht es zu wissen,
dass er Silberfische mochte.
Angefangen hatte alles an dem fraglichen Tag, an dem er seine Brille hatte
fallen lassen. Man kann hierbei dem Tag keine Schuld geben: wie meistens
hatte er damit begonnen, dass die Sonne aufgegangen war und Herr Rathaus
hatte den Tag sogar - nachdem er die Tatsache, dass die Dunkelheit wieder
einmal der Helligkeit Platz machen musste, gebührend gewürdigt
hatte - für gut befunden. Eine Rolle hierbei dürfte auch sein
Wecker gespielt haben, denn nicht nur, dass er überhaupt geklingelt
hatte war es Herr Rathaus gelungen, ihm mit seinem Erwachen sogar um eine
Minute zuvor zukommen, so dass er ihn beim ersten Klingeln wieder ausstellen
konnte, etwas was ihn ungemein befriedigte und belustigte. Manchmal hatte
er eine etwas ungewöhnliche Form des Humors.
So darf es einen auch nicht verwundern, dass er, als er seine Brille fallen
ließ und durch eine unglückliche Reihung von Zufällen,
wie die Glätte des Bodens, seiner fast schon als grobmotorisch zu
bezeichnenden Reflexe und einer etwas schreckhaften Natur, auch noch auf
diese trat, anstatt sich zu ärgern zu lachen anfing. Dies ist der
Punkt, an welchem die Silberfische ins Spiel kommen. Denn ein solcher
war, ebenfalls durch eine unglückliche Reihung von Zufällen,
wie die Glätte des Bodens, seiner fast schon als grobmotorisch zu
bezeichnenden Reflexe und einer etwas panisch-hysterischen Natur, unter
dem Brillenglas eingesperrt worden. Durch die Stärke des Brillenglases
aber war die Gestalt des Silberfisches so unnatürlich vergrößert
worden, dass Herr Rathaus einfach lachen musste - auch wenn ein Silberfisch
an sich eigentlich nicht komisch ist. Trotzdem soll hier auch nicht weiter
thematisiert werden, inwieweit Herr Rathaus durch sein Gelächter
die Gefühle des Silberfisches verletzt haben könnte.
Viel mehr interessiert hier, was für Auswirkungen diese vergrößerte
Darstellung eines eigentlich überhaupt nicht komischen Silberfisches,
auf das Leben von Herrn Rathaus haben sollte und inwieweit sie für
sein Dilemma verantwortlich sein sollte. [top]
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Denn als er so auf dem Boden saß, gekrümmt wie ein verunglückter
Trapezkünstler, der in einen Tigerkäfig gestürzt war, von
dem er zu allem Unglück nicht einmal wusste, dass er überhaupt
über ihm turnte, geschah etwas mit ihm; am ehesten ließe sich
das, was geschah als einen Schlag auf den Kopf mit einem luftgefüllten
Spaßhammer vergleichen, der sich dann aber doch als mit Wasser gefüllt
entpuppt. Das Wasser ließe sich vielleicht noch damit erklären,
dass er bei seinem Sturz auf der Suche nach Halt aus Versehen die Dusche
betätigt hatte, was einen Dauerregen auf seinen Rücken zur Folge
hatte. Der Hammer hingegen lässt sich bedauerlicherweise gar nicht
erklären und soll daher nicht näher erläutert werden.
Als Tatsache aber lässt sich festhalten, dass etwas mit Heinz Rathaus
geschah mit dem er nicht gerechnet hatte und das war Erkennen und zwar
Selbsterkenntnis in seiner schönsten Form: der Silberfisch, wie er
ihn mit seiner Brille von unten, mit dem rechten Fühler unkontrolliert
zuckend, ansah erinnerte ihn an sich selbst. Auch er trug diese Brille
(zwar nicht im Augenblick, aber bald wieder), auch er sah auf Grund seiner
geringen Größe in der Regele von unten zu anderen empor und
auch er zuckte bei Aufregung unkontrolliert - wenn auch nicht mit seinem
rechten Fühler, denn so etwas besaß er leider nicht, so doch
wenigstens mit seinem rechten Ohr.
Eine weniger sensible Natur (er war Krebs als Sternzeichen und bildete
sich auch einiges darauf ein) als Herr Rathaus hätte dem wohl nicht
viel Wert beigemessen, doch Heinz Rathaus war sich intuitiv ( er war wie
schon bemerkt ein selbstbewußt-sensibler Krebs) im Klaren darüber,
dass ein neuer Abschnitt in seinem Leben begonnen hatte oder zumindest
beginnen sollte. Wer ihn ein bischen besser kennt, wie z.B. seine rumänische
Putzfrau Olga, die in Wahrheit aus Polen stammt, aber auf Grund der vielen
Polen-Witze dazu übergegangen war sich als Rumänin zu bezeichnen
(auch sie eine stolz bekennende Krebsin und damit äußerst sensibel);
wer ihn also ein bischen besser kennt weiß, dass es in seinem Leben
bereits mehrerer dieser entscheidenden Momente gegeben hatte - etwa als
er mit vier zum erstenmal die genaue Bedeutung seines Namens zu erkennen
geglaubt hatte und mehrere Wochen nur noch Häuser-Raten spielen wollte,
was ihn einiges an Freundschaften gekostet hatte - die sich aber mit der
Zeit nicht als Abschnitt, sondern eher als misslicher Einschnitt in seinem
Leben herausstellten. Doch diesmal war er sich sicher - es, bzw. er, würde
sich ändern. Woher er diese Gewissheit nahm ist unklar, vielleicht
spielt aber auch hier wieder sein Sternzeichen eine nicht zu unterschätzende
Rolle.[top]
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Er war kein
unbedachter oder emotionaler Mensch, ja es gab sogar Leute, die ihn als
phlegmatisch bezeichnen würden wie z.B. sein unmittelbar Vorgesetzter
(er hatte sehr viele Vorgesetzte, doch das spielte zu diesem Zeitpunkt
zumindest noch keine Rolle). Daher war seine polnisch-rumänische
Putzfrau, die sich irgendwie auch China wegen Feng Shui und YingYang verbunden
fühlte, auch zu Recht überrascht, als Heinz Rathaus von der
Dusche durchnässt und nur mit seiner getüpfelten Boxershort
(ein Geschenk seiner verstorbenen Mutter, die er aus Pflichtbewußtsein
und Sentimentalität bisweilen noch trug) an ihr vorbei Richtung Haustür
stürmte.
Er wusste nicht wohin er stürmte, nur dass man in so einer Situation
zu Haustür zu stürmen hatte; auch war es schon immer ein geheimer
Wunsch von ihm gewesen einem gejagten Verbrecher ähnlich durch ein
Haus zu stürmen. Das es sich nun hierbei um sein eigenes Haus handelte
war zwar nicht optimal, ließ sich aber leider nicht mehr ändern.
Daher ließ er sich davon auch nicht beeindrucken, sondern stürmte,
gefolgt von bewundernden Blicken seiner Putzfrau Olga, die sich insgeheim
schon immer gewünscht hatte jemanden einem gejagten Verbrecher ähnlich
zur Tür stürmen zu sehen (dass dieser jemand Heinz Rathaus war
und auch noch getüpfelte Boxershorts trug war zwar nicht optimal,
ließ sich leider aber nicht ändern), weiter Richtung Tür.
Bei dieser angekommen riss er sie auf und stürzte auf den Flur; schon
das Aufreißen war nicht mehr so elanvoll, aber es gehörte,
genauso wie auf das-auf-den-Flur-stürzen irgendwie noch zum Stürmen
dazu wie er fand. Auf dem Flur allerdings wußte er nun endgültig
nicht mehr was er sonst noch zu tun hätte und holte daher - wenn
er schon mal da war wie er fand - die Zeitung aus dem Briefkasten.
So würdevoll wie es mit einer rot getupften Boxershort eben möglich
ist stolzierte er dann - mit der Zeitung wie seine polnisch-rumänisch-chinesische
Putzfrau resigniert bemerkte, da sie eigentlich als nächstes das
Bad putzen wollte, nun aber eine längere Verschlossenheit vermutete
- zurück ins Bad zu seinem immer noch bebrillten Silberfisch.
Etwas ratlos betrachtete er ihn - was tut man mit einem Silberfisch, der
sein Leben verändert hatte, bzw. von dem man annahm, dass er dies
tuen würde; denn bis jetzt hatte sich, bis auf sein zur-Tür-stürzen
noch nichts verändert. Doch er war sich sicher - woher er diese Sicherheit
nahm wußte niemand, nicht einmal der Silberfisch und diese wissen
in der Regel eine Menge - dass sich etwas ändern würde; vielmehr
dass er sich ändern würde, ja ändern musste; ein Leben
wie ein Silberfisch kam für ihn zumindest nicht in Frage.[top]
Kapitel 2: Ein alter Tag im neuen Leben
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Heinz Rathaus dachte nach. Das hatte er noch nie gerne getan und auch
diesmal tat er es nur widerwillig, doch es erschien ihm nötig: Wenn
man schon sein Leben von heute auf morgen, bzw. noch schlimmer wie er
unwirsch bei sich dachte heute und am Morgen, änderte, sollte man
zumindest versuchen darüber nachzudenken. Bis jetzt hatte es hierfür
keine Veranlassung gegeben und wenn doch hatte er es immer erfolgreich
umgangen, vor allem sein Trick, dass jetzt dafür nicht der richtige
Augenblick sei, hatte immer sehr gut funktioniert. Doch er war sich der
Pflicht, die ihm aus seiner Silberfisch-Begegnung (insgeheim nannte er
sie seine Begegnung der dritten Art, doch das war so geheim, dass er nicht
einmal selber davon wusste) erwuchs bewusst - und pflichtbewusst war er
bei allem Nicht-Denken-Wollens dann doch.
So saß er auf dem Rand der Badewanne - inzwischen mehr oder weniger
gewaschen, rasiert und angezogen - wie gut das eben geht, wenn man dabei
von unten herauf von einem bebrillten Silberfisch beobachtet wird - und
dachte nach. Er dachte an sein Leben das er bisher geführt hatte.
Und je länger er nachdachte (er war überrascht wie schnell man
wieder rein kam - fast so wie mit Radfahren, nur dass man nicht hinfallen
kann; dass er sich hierbei irrte und man auch beim Denken gewaltig auf
die Schnauze fallen kann, sollte er noch früh genug merken) umso
mehr silberfisch-ähnlich kam ihm sein Leben vor. Zwar wusste er nicht
viel von dem Leben eines Silberfisches, doch wenn hier schon die Übereinstimmung
so hoch war, dann musste sie bei den Dingen die er nicht kannte noch viel
höher sein. Ihm erschien dies auf jeden Fall sehr logisch - und Tatsache
ist, dass er Recht hatte. Sein Leben ähnelte wirklich dem eines Silberfisches:
er arbeitete vorwiegend im Dunkeln - er war Filmvorführer in dem
größten Kino der Stadt - hatte Angst vor offenen großen
Plätzen und blieb lieber an dem ihm vertrauten Plätzen. Am liebsten
in seiner Wohnung - hier fühlte er sich geborgen. Vor allem im Bad,
auf dem Klo Comics lesend, konnte er Stunden verbringen. Stolz zeigte
er jedem der es sehen wollte - oder auch nicht - seine Klo-Spezialeinrichtungen:
sein Leselampe, die Kerzen, die Stereoanlage. Nur den Fernseher, in eine
Kommode eingebaut, behielt er für sich - irgendetwas sagte ihm, dass
das zu weit ginge, dass er damit ein, in der enttabuisierten Gesellschaft
trotz allem tabuisiertes Thema anschneiden würde; ähnlich wie
wenn man in einem Altersheim Magazine mit Grabsteinen offen herumzeigen
würde. Niemand wusste daher von seiner "Flimmerkiste" wie
er sie liebevoll nannte - bis auf Olga natürlich - und den Silberfischen
wie er grimmig bemerkte. Doch damit sollte jetzt Schluss sein; nicht mit
den Silberfischen, - diese gehörten zu ihm, waren quasi sein Wappen,
sein Markenzeichen - sondern mit diesem Kloleben, diesem Scheissleben.
Diesem Leben in der Ritze, der Spalte zwischen zwei Ereignissen: Geburt
und Tod - das sollten nicht die hervorstechendsten Eigenschaften seines
Lebens gewesen sein. Und diesmal hatte sich das Denken gelohnt: Nun wusste
wie er sich zu ändern hatte.[top]
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Auch wusste er, dass diesmal der Zeitpunkt für Würdevolles-zur-Tür
schreiten gekommen war. Zwar gehörte dies nicht zu seinen Träumen,
noch hatte er es immer schon mal machen wollen - doch manchmal lässt
einem das Leben keine Wahl und dies war so ein Augeblick der Wahllosigkeit:
wenn man weiß dass und vor allem wie man sein Leben ändert,
kann man nicht mehr zur Tür laufen, geschweige denn stürzen.
So schritt er so gut und so würdevoll er konnte an seiner Putzfrau,
die ihm heute noch mulikultureller vorkam als sonst - er schob es auf
ihr asiatisch anmutendes Putztuch - vorbei zur Tür. Nicht ohne einen,
wie Olga fand fast schon schwermütigen Blick zurück auf sein
gewohnt-gewöhnliches Wohnzimmer mit seinem geliebten Billy und Iwar
darin zu werfen. Es hatte seine Vertrautheit verloren, dafür aber
das Versprechen von etwas Wildem und Animalischen gewonnen; hier würde
seine Mission beginnen, hier würde der neue Heinz Rathaus zu finden
sein; vielleicht sollte er auch seinen Namen ändern - darauf kam
es nun seiner Meinung nach wirklich nicht mehr an; und seinem Vorhaben
konnte es eigentlich nur nützlich sein. Diese und andere umwälzende
Gedanken in seinem nicht übermäßig großem Kopf hin
und her wälzend - dass er nebenbei auch noch die Einkäufe für
sein Abendbrot durchging war ihm peinlich, denn es kam ihm profan und
zu spießig für sein neues Leben vor, doch ganz konnte er, zumindest
noch nicht, aus seiner alten Heinz Rathaus Haut dann doch nicht heraus
- ging er seinen gewohnten Weg zur Arbeit.
Das bemerkte er allerdings erst, als es zu spät war und er bereits
im Foyer stand, wo ihm der vertraute Duft von Popcorn und verschüttetem
Bier in die Nase stieg. Er sah es (ob er damit seine Anwesenheit im Kino,
oder den Duft meinte, konnte leider nie ganz geklärt werden) aber
als ein Zeichen seines neuen Lebens und ging zielstrebig ohne die Zurufe
seiner Kollegen zu beachten (nicht einmal die von Vanessa der neuen Kassenkraft,
die er sonst immer beachtet hätte - bisher hatte nur sie ihn nicht
beachtet; das war also das neues Leben wie er befriedigt feststellte)
auf die Tür der Geschäftsleitung zu. Hier überkam ihn dann
doch ein leichtes Schwindelgefühl, entweder weil er die Treppen zu
schnell genommen hatte - oder einfach wegen der Tür wie er argwöhnte.
Er mochte diese Tür nicht. Sie war ihm mit ihrem beige-grünen
Lack von Anbeginn an unsympathisch gewesen, gesteigert noch von dem was
sich hinter der Tür verbarg: Frau Schmoldt, mit der durchdringenden
Ich-bin-immer-gut-gelaunt-Stimme die damit aber das genaue Gegenteil bewerkte.
Mit einem tiefen Blick in die Augen von Tom Cruise, der auf einem alten
Top-Gun Poster nur unzulänglich das Beige-grün der Tür
zu verdecken versuchte und nun wie es Heinz Rathaus schien ihm alle Pilotenverwegenheit
mit auf seinen Weg gab, klopfte er erst zaghaft, dann sich an sein neues
Leben erinnernd immer fester werdend an die verhasste Tür.[top]
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Während Heinz Rathaus sich anschickte, die ihm so unsympathische
grün-beige Tür zu beklopfen, ereignete sich am gleichen Tag,
nur Aberbillionen Jahre früher etwas so Bemerkenswertes, dass es
eigentlich in jedem ordentlichen Geschichtsbuch vermerkt sein müsste.
Das es dies nicht ist, zeugt nicht nur von der hochmütigen Arroganz
des gegenwärtigen Wissenschaftsbetriebes, sondern auch von einer
generellen Missachtung kosmischer Zusammenhänge.
So geschah es an besagtem Tag (für den, der sich für derartige
Details interessiert, auch wenn es für den weiteren Verlauf genau
genommen unwesentlich ist: es handelte sich um einen Tag der später
Dienstag genannt werden sollte) - dass ein Fisch, während er in seinem
Schwarm durch das Meer schwamm, plötzlich vor einer Alge wie erstarrt
verharrte. Es war keine besonders ansehnliche Alge - in etwa genauso wenig
ansehnlich wie der Fisch. Beide waren weder besonders groß, noch
hatten sie irgendwelche bemerkenswerten Eigenschaften. Sie waren einfach
eine Durchschnittsalge, sowie Durchschnittsfisch. Sekundenlang rührte
sich der Fisch nicht von der Stelle, dann wandte er sich plötzlich
ab und entschwand, den Schwarm verlassend in das Dunkel des Ozeans. Die
Fische kümmerten sich auf Grund ihrer Fischäugigkeit nicht weiter
um ihn - er war nur einer von vielen und so oft wurde einer von was auch
immer gefressen. Das Bemerkenswerte an dieser Episode aber ist ihre Einmaligkeit:
zum ersten Mal in der Geschichte der Erde hatte das zu diesem Zeitpunkt
höchstentwickelte Lebewesen etwas, was man später vielleicht
als Individualität bezeichnen könnte, gezeigt.
Zwar sollten nochmals viele Jahrtausende vergehen ehe, wieder an einem
Dienstag wieder an dem gleichen Tag, etwas ähnliches geschah, wenn
auch in einem abgelegenen, besonders heißem Teil einer sandigen
Wüste, doch sollten sich derartige Zwischenfälle mit Fortschreiten
der Evolution immer öfter ereignen. Inwieweit diese Art der Individualität
dem Überleben dienlich gewesen sein sollte lässt sich leider
nicht sagen - es gibt keine zuverlässige Überlieferung, was
mit den jeweiligen Tieren geschah; doch liegt der Schluss nahe, dass sie
in ungewohnter Umgebung, ganz auf sich gestellt, nicht lange überlebt
haben dürften. Dabei handelt es sich aber nur um eine Vermutung,
die sich auf keinerlei Fakten berufen kann. Tatsache aber ist, dass sich
derartiges Verhalten immer stärker verbreitete und gerade bei der
Gattung Mensch unverhältnismäßig oft anzutreffen ist.
Inwieweit es dem Überleben dient, ist damit aber leider immer noch
nicht hinreichend geklärt.[top]
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Das alles wußte Heinz Rathaus natürlich nicht; es stand wie
schon bemerkt in keinem Geschichtsbuch. Aber auch so las er eher ungern.
Doch auch das sollte sich ändern wie er fand - wenn auch vielleicht
eher etwas später am Tag. Lieber konzentrierte er sich auf die beige-grüne
Tür, die sich gerade mit einem leichten Summen öffnete. Auch
das Summen war ihm nicht sympathisch, wenn auch angenehmer als die Ich-bin-immer-gut-
gelaunt-Stimme von Frau Schmoldt. Denn das war das Nächste was er
hören sollte. Begleitet von einem affektierten Winken mit der Hand
von dem sie meinte dass es neckisch aussähe, schrie sie ein "Na
was machen Sie den hier Rathaus. Etwa im Tag geirrt?" und ließ
ihre Hand für einen Moment in der Luft verharren ehe sie sie mit
einem Plumpsen zurück auf den Tisch fallen ließ.
Heinz Rathaus hatte das alles wortlos betrachtet und auch jetzt sagte
er kein Wort. Er wußte, was von einem in einer solchen Situation
erwartet wurde. Wenn man vor nicht ganz zwei Stunden beschlossen hatte
sein Leben zu ändern, ziellos zu seinem Arbeitsplatz gelaufen war
und entschlossen an die unsympathische beige-grüne Tür geklopft
hatte, gab es nur eins was man noch zu tun hatte, ja was von einem erwartet
wurde. Man hatte unter Stammeln zu beginnen, von Silberfischen zu erzählen.
Von dem Zur-Tür-Stürzen. Und bei all dem unzusammenhängenden
Gestotter nur Unverständnis zu ernten; um dann unvermittelt die Stimme
zu erheben, laut "Ich kündige" zu sagen und mit einem geistreichen
Spruch das Zimmer zu verlassen. Unter Umständen kann man noch bevor
man die Tür schließt kurz den Kopf durch die Tür stecken
und etwas noch geistreicheres als vorher sagen. Das alles wußte
er. Auch wußte er, dass er stammeln und stottern würde. Doch
dann wurde es schon schwierig; denn noch mehr wußte er, dass ihm
nichts geistreiches einfallen würde (noch nicht - er würde ja
sein Leben ändern). Daher sah er Frau Schmoldt einfach nur an. Immer
noch fröhlich, wenn auch schon ein wenig verunsichert sagte Frau
Schmoldt, oder auch Angie wie sie gerne genannt werden wollte, auch wenn
die Mehrheit einfach bei Chefin blieben: "Das ist aber eine Überraschung!"
Und dann nochmal: "Etwa im Tag geirrt?" Auch die Chefin hätte
in der Situation von Heinz Rathaus nichts geistreiches sagen können,
doch wußte sie nicht in welcher Situation er und damit auch sie
sich gerade befanden. Sonst hätte sie wahrscheinlich nicht, noch
stärker verunsichert gefragt, ob er auch vergessen hätte, dass
er am Abend Dienst habe, da Klaus leider immer noch krank sei. Doch Heinz
Rathaus stand immer noch einfach nur da und schaute sie an. Frau Schmoldt
kicherte: "Ist das ein neues Spielchen von Ihnen?" Heinz Rathaus
hatte noch nie auch nur irgendein Spielchen gehabt. Und schon gar nicht
mit ihr. Doch der Gedanke reizte ihn. Ja, dachte er bei sich, ich spiele
ein Spielchen und ging zur Chefin, nahm ihren Lieblingsstift und brach
ihn in der Mitte durch. Dann ging er ohne sich noch mal umzudrehen oder
auch nur den Kopf durch die Tür zu stecken durch ebendiese hinaus.
Davor blieb er kurz stehen, hörte aber keinen Ton von drinnen und
ging daher schulterzuckend wieder die Treppe herunter.[top]
Seite 8:
Während er mit neuem Selbstbewusstsein die Treppe hinunter stieg,
fragte er sich, ob einen Lieblingsstift zerbrechen einer Kündigung
gleichkam. Er fragte sich das ohne jede Emotion; er mochte seine Arbeit,
aber im Augenblick wer es ihm gleichgültig, ob er sie weiterhin ausüben
würde oder nicht. Er hatte eine neue Aufgabe. Noch wusste er nicht
was sie war und auch sein Wissen um die Frage wie er sein Leben ändern
würde, war eher diffus. Ähnlich einem Unfallopfer, das gerade
wieder das Bewusstsein erlangt und die Bruchstücke seines Gedächtnisses
neu formieren muss.
Mit diesem unbewussten Wissen trat Heinz Rathaus auf die Straße,
die er schon so oft gesehen hatte. Doch erst jetzt schien es ihm, als
sähe er sie zum ersten Mal; so als wäre seine Brille plötzlich
Fernrohr, Mikroskop und Kaleidoskop in einem, nahm er Dinge wahr, die
er vorher nie gesehen hatte. Er bückte sich zu einem vor ihm liegenden
Eisstäbchen. "Magnum intense" schoss es ihm durch den Kopf.
Seine vielen ausgedehnten Fernseh-Klo-Sessions hatten ihn mit allen Spielarten
der Fernsehwerbung und deren Produkten vertraut gemacht. Er betrachtete
die Holzmaserung, den Schriftzug und das eingravierte Herz. Das alles
kam ihm irreal vor. Als hielte er ein Stück Realität aus einer
vergangenen Epoche in Händen; ein Zeichen, dass er nur zu entschlüsseln
brauchte, um zu wissen. Was zu wissen? Er wusste es nicht. Doch war das
nicht wichtig. Er war dabei seinen Platz in der Welt zu finden und das
war gewiss nicht auf dem Klo vor einem schlechten Farbfernseher, dem einzigen
Geheimnis seines Lebens. Heinz Rathaus maßte sich nicht an zu denken
er sei zu Höherem berufen. Schon immer war er sich seiner Ameisenhaftigkeit
wenn auch nicht seiner Silberfischhaftigkeit bewusst gewesen. Doch während
er mit dem dreckigen Stück Holz in der Hand immer neue Dinge entdeckte,
die immer schon da gewesen waren, nur auf ihn zu warten schienen, erkannte
er, dass man trotz dieser relativen Bedeutungslosigkeit absolut gesehen
Bedeutendes bewirken konnte. Denken ist gar nicht so schwierig wie ich
immer gedacht habe, dachte er und ließ das Stück Holz in seine
Tasche verschwinden. Vielleicht sollte ich es ein bisschen üben und
mich mehr darauf einlassen murmelte er und pirschte sich zum nächsten
Objekt, das fremd und deplaziert im Randstein liegend seine Neugierde
geweckt hatte.[top]
Seite 9:
Erst als es so dunkel geworden war, dass er nichts mehr erkennen konnte
machte er sich, nur langsam aus seinem tranceähnlichen Jagdzustand
erwachend, auf dem Heimweg. Seine Taschen voll von Gegenständen;
wozu und was er mit diesen anstellen wollte war ihm noch nicht ganz klar,
doch erschienen sie ihm das Wichtigste was er seit langer Zeit besessen
hatte. Daheim angekommen ließ er sich erschöpft auf das Sofa
fallen, nicht aber ohne vorher sorgfältig seine erbeuteten Schätze
auf dem Küchentisch anzuordnen. Zu oberst das Eisstöckchen,
mit dem - abgesehen von dem Silberfisch - vielleicht alles begonnen hatte.
Darunter dann in der chronologischen Reihenfolge des Fundzeitpunktes eine
abgestoßene Murmel, eine zerdrückte Zigarettenschachtel, ein
glänzendes Ein-Centstück, zwei Kronkorken, sowie - darüber
war er besonders stolz - eine blaue glattgeschliffene Glasscherbe. Schon
als kleines Kind hatte er im Urlaub immer nur die blauen, vom Meer glatt
gespülten und polierten Glasscherben gesucht und gesammelt. Das waren
die seltenen. Daher war diese matt im Küchenlicht glänzende
Scherbe noch viel seltener, denn das Meer war viele hundert Kilometer
weit weg. Als er sie gefunden hatte, war es ihm, als wäre er wieder
klein, als könnte er wieder das Meer rauschen hören und triumphierend
hatte er die Scherbe hochgehalten. Sowohl damals als auch heute. Nur dass
er heute auf der Fußgängerzone seiner Stadt gestanden hatte
und nicht mehr ein kleiner zehnjähriger Junge war. Trotzdem hatte
er mit unnatürlich hoher Stimme "Meins" gerufen hatte,
trotzdem hatte er sich wieder so freuen können wie damals. Schon
lange war er nicht mehr so glücklich gewesen.
Als er auf dem Sofa liegend die Augen schloss sah er wieder alles vor
sich, den Silberfisch, die unsympathische Tür und auch seine Glasscherbe.
Seine Glasscherbe. Er musste einen Ort für sie, aber auch für
all die anderen Gegenstände finden. Und noch mehr. Mehr Orte, mehr
Gegenstände. Aber vor allem musste er einen Sinn finden. Er war schon
da, wartete nur darauf, dass er ihn wie die Glasscherbe aufhob und in
die Sonne hielt. Einen Sinn, der all das was mit ihm geschah berücksichtigte
und in eine fragile Ordnung brachte. Doch er hatte Zeit. Zeit zu Denken,
Zeit zu Leben und einfach Zeit zu Sein. Mit diesen beruhigenden Sätzen
schlief er endlich ein. Ohne auch nur einen weiteren Gedanken an den Silberfisch,
dem er das alles zu verdanken hatte, und seinem Schicksal zu verschwenden.
Hätte er es gewusst - vielleicht wäre er nicht so zufrieden
und beruhigt eingeschlafen. Olga, seine polnisch-rumänische Putzfrau
hatte ihn gefunden. Es ist wissenschaftlich nicht bewiesen, ob und wie
viel Silberfische fühlen können. Heinz Rathaus hätte sich
aber, wenn er von dessen Schicksal erfahren hätte, gewünscht,
das es nicht allzuviel sei. Er hatte aber nichts erfahren und konnte daher
von lebendigen Silberfischen und blauen Glasscherben träumend zufrieden
im Schlaf grunzen.[top]
Seite 10:
Zwei Straßenblöcke weiter lag auch Olga, die supranationale
Putzfrau in ihrem Bett und dachte. Im Gegensatz zu Heinz Rathaus hatte
sie darin bereits Übung. Sie tat es häufig und gerne, wenn auch
leider nicht sehr erfolgreich - wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt
von Erfolg sprechen kann. So auch diesen Abend. Im Licht ihres chinesischen
Lampions, der das Zimmer mit seinem rötlichen Schein nicht wie sie
es gehofft hatte in einen Entspannungs- und Wohlfühlort, sondern
eher in ein fernöstliches Bordell verwandelt hatte, lag sie auf dem
Rücken und dachte nach. Sie lag bewusst auf dem Rücken, denn
in einem ihrer eso-ethnischen Bücher hatte sie gelesen, dass nur
dann Körper und Geist in perfektem Einklang zueinander seinen. So
lag sie auf dem Rücken, auch wenn ihre Gedanken immer wieder von
ihrem eigentlichen Thema zum Wunsch auf dem Bauch zu liegen abschweiften.
Doch sie hatte ihre Prinzipien - wie schon an anderer Stelle erwähnt
war sie eine bekennende Krebsin.
Diesmal war ihr Thema Heinz Rathaus. Er hatte sich wirklich seltsam benommen.
Und dass er wirklich diese getüpfelte Boxershort trug! Sie hatte
sie schon oft in seiner Schublade gesehen, aber immer angenommen, er habe
sie nur aus Bequemlichkeit heraus nie weggeworfen. Und dann dieses zur-Tür-stürzen!
Bei diesem Gedanken kribbelte es sie ein bisschen in der unteren Wadenhälfte
und schon hatte sie die Boxershort vergessen. Sie mochte es wenn es sie
ein bischen in der Wade kribbelte - vor allem in der unteren Hälfte.
Bis jetzt hatte sie bei Heinz Rathaus nichts zum kribbeln gebracht, weder
in der Wade noch noch sonst wo. Sie mochte ihn: er war nicht allzu unordentlich
und hob sogar manchmal Staubflocken unter dem Sofa auf - zumindest hatte
sie schon des öfteren welche in seinem Abfalleimer entdeckt. Auch
sein kleines Fernseh-Klo-Geheimniss mochte sie. Schon oft hatte sie überlegt,
nicht auch auf ihrem Klo einen kleinen Fernseher zu installieren; hatte
es dann aber doch gelassen, weil sie zu oft vor ihren Lieblingsgerichtssendungen
einschlief. Dieses Risiko, auf dem Klo einzuschlafen, war ihr dann doch
zu groß. Aber die Idee mochte sie immer noch. Irgendwie hatte er
heute aber verändert gewirkt fand sie; instinktiv - sie war nicht
nur eine bekennende Krebsin, sondern auch eine bekennende weibliche Intuitionistin,
d.h. sie begründete alles und jedes mit ihrer Intuition - wusste
sie, dass irgendwie der Silberfisch, den sie am Morgen in seinem Bad gefunden
hatte, hierbei eine Rolle gespielt hatte. Sie mochte keine Silberfische
und fragte sich, wie Heinz Rathaus zu ihnen stand. Bestimmt mag er sie
- das würde einiges erklären. Ehe sie aber intuitiv sagen konnte
was es erklären würde, war sie eingeschlafen - sogar auf dem
Rücken was sie sonst nie tat - und träumte von Silberfischen
und gepunkteten Boxershorts; allerdings blauen, denn das war ihre Lieblingsfarbe.[top]
Seite 11:
Kapitel 3: Ein neuer Tag im neuen Leben
Als Heinz Rathaus am nächsten Morgen erwachte fühlte er sich
genau so, wie er sich auch die Tage vor diesem Morgen, seinem ersten Morgen
im neuen Leben, gefühlt hatte - müde, mit Augen die noch keine
Lust hatten ihrer Arbeit nachzukommen; ähnlich wie seine Beine, sein
Arme - im Grunde sein ganzer Körper. Nur sein Gehirn war wach, zumindest
ansatzweise. Und dieses Gehirn war enttäuscht, d.h. er war enttäuscht.
Irgendwie hatte Herr Rathaus erwartet, dass er Spiderman ähnlich
neue Fähigkeiten entwickelt hätte - nicht bedenkend, dass er
gar nicht von einem genetisch veränderten Silberfisch gebissen worden
war, so dass er auch nicht dessen - wie auch immer gearteten Eigenschaften
- hätte annehmen können; er hatte nur ein Erlebnis mit einem
gehabt, so dass nicht er sich verändert hatte, sondern seine Einstellung.
Doch damit würde auch er sich ändern können. Es würde
ein langsamer Prozess sein - doch vor allem im Augenblick, während
er noch enttäuscht auf seinem nicht unbedingt bequemen Sofa lag,
hatte er nichts gegen ein bisschen Langsamkeit einzuwenden.
Doch während er diesen Gedanken langsam im seinem ansatzweise wachen
Gehirn entwickelte, näherte sich von irgendwoher - den genauen Ursprung
wollte und sollte er gar nicht so genau kennen - ein weiterer. Und dieser
war so stark, dass er Heinz Rathaus mit einem Satz vom Sofa springen ließ.
Es war der Gedanke an seine Schätze; an seine Arbeit von letzter
Woche. Er musste sie einfach betrachten. Er zwang seinen immer noch müden
Körper zum Küchentisch, um dort gebannt vor dem stehen zu bleiben,
was der Beginn von etwas Neuem sein würde. Seine Sammlung. Und wieder
blieb sein Blick wie gebannt an der blauen Scherbe hängen. Er würde
noch mehr derartige Dinge sammeln. Er würde damit Sachen machen,
die - wenn auch nicht die Welt - so doch wenigstens seine Welt, vielleicht
sogar seine Umwelt verändern würden.
Doch vorher musste er noch einen geeigneten Ort finden. Denn das war die
Grundvoraussetzung, dass wusste er. Nur wenn alles seine Ordnung hatte,
würde auch alles einen Sinn machen. Schon immer hatte er diese etwas
verquere Logik vertreten. Ordnung macht Sinn, aber Sinn ohne Ordnung ist
wie ein Computer mit lauter Datenstrukturen, auf die er aber nicht zugreifen
kann, weil er vergessen hat wo er sie abgelegt hat - vorausgesetzt natürlich
Computer könnten Denken; doch darüber hatte sich Heinz Rathaus
noch keine Gedanken gemacht - seine Denkphase fing gerade erst an. Vorerst
aber dachte er nicht über Computer und deren Denkstrukturen, sondern
über einen Ort nach. Einen geeigneten Ort. Es musste ein Ort sein,
an dem er sich wohlfühlte, an dem er Ruhe hatte das zu tun, was er
tun musste - auch wenn er zu dem Zeitpunkt noch nicht genau wusste, was
es war. Doch auch das würde mit dem Ort anders werden. Der Ort. Genau
in diesem Augenblick, als er seinen einen großen Zeh - es war der
linke - der gerade am aufwachen war krümmte, fiel ihm der perfekte
Platz ein. Zufrieden ließ er das Denken zumindest fürs erste
sein und machte sich einen Kaffee; dann würde vielleicht auch der
Rest von seinem Körper aufwachen. Zumindest war das sonst der Fall
gewesen - und wie er bereits bemerken durfte, hatte er sich zumindest
körperlich nicht verändert. Es gab also Hoffnung.[top]
Seite 12:
In genau demselben Augenblick, in dem Heinz Rathaus seinen linken Zeh
gekrümmt hatte und ihm der perfekte Ort eingefallen war, krümmte
sich wenige Häuserblöcke weiter ebenfalls ein Zeh; wenn auch
ein rechter Zeh. Es handelte sich hierbei um einen rechten - um genau
zu sein - den rechten großen Zeh von Olga; und er krümmte sich,
weil er nicht am perfekten Ort gewesen war, im Gegenteil war er vielmehr
an einem der ungünstigen Orte, an denen sich ein Zeh am Morgen befinden
kann - nämlich unter einer einer chinesischen Buddha-Figur. Zwar
hatte der Zeh durch seine Ortswahl höchstwahrscheinlich verhindert,
dass diese - in Olgas Augen unendlich wertvolle, in den Augen des Trödlers,
der sie ihr verkauft hatte, unendlich schlecht imitierte - Figur in mehrere
Einzelteile zersprungen war, doch war Olga das im Augenblick reichlich
egal. Polnische und was sie dafür hielt, sie konnte es nicht, rumänische
Schimpfwörter ausstoßend sprang sie wie einer ihrer Derwisch
- das ganze Wohnzimmer war voll von ihnen, sie hatte wohl eine Schwäche
für wilde Männer, auch wenn sie sich das niemals eingestanden
hätte - auf einem Fuß durch ihr Schlafzimmer.
Nachdem der Schmerz etwas nachgelassen hatte und der Zeh verbunden, machte
auch sie sich einen Kaffee; normalerweise trank sie eigentlich grünen
Tee mit Vanillegeschmack, doch heute brauchte sie einen Kaffee - schwarz
und mit viel Zucker, so wie sie ihn immer getrunken hatte, bevor sie die
eso-ethno-Welt für sich entdeckt hatte. Für heute war sie schon
nahe genug mit anderen Kulturen in Berührung gekommen - zu nahe,
sogar für ihre ausgesprochen kontaktfreudige Art. Mit diesem Gedanken
griff sie zum Telefon. Auf einem Fuß balancierend, mit der einen
Hand den Kaffee haltend - es war ein wirklich hervorragender Kaffee, manchmal
war ihre Welt auch nicht zu verachten - mit der anderen das Telefon, tippte
sie umständlich per Daumen die Nummer von Heinz Rathaus.
Es läutete ein paar Mal, dann hörte sie sein charakteristisches
"..thaus. Wer spricht?" Er verschluckte immer den Anfang seines
Namens - er sagte ihn wohl schon bevor er abgenommen hatte und auch sagte
er immer dieses "Wer spricht". Einmal hatte er das witzig gefunden
- mittlerweile war es zur Gewohnheit geworden. Seine Gesprächspartnern
hatten es nie witzig gefunden, trotzdem war es auch ihnen zur Gewohnheit
geworden. "Olga hier - Ihre Reinigunsfachfrau", meldete sich
Olga - sie mochte das Wort Putzfrau nicht - "meine Buddha-Figur ist
heruntergefallen und daher kann ich heute nicht zu Ihnen kommen."
Das irritierte Heinz Rathaus. Bis jetzt war ihm Olga, wenn auch ein bisschen
zu eso-ethnisch immer normal vorgekommen: "Ähh...", machte
er und dann, weil ihm das ein bisschen zu wenig und auch etwas dümmlich
vorkam womit er auch nicht ganz Unrecht hatte, "ach so ist das..."
Aber auch das war nicht besonders geistreich wie er traurig bemerkte.
"Er ist mir auf dem Zeh gefallen und ich glaube er ist gebrochen",
sagte Olga, die seine dümmliche Antwort richtig einordnete. "Ahh..",
Heinz Rathaus war so erleichtert, dass Olga doch normal wie eh und je
war - er war auf sie angewiesen, ohne sie wäre über kurz oder
lang im Chaos versunken und er wusste das auch - dass er ohne zögern
seine Hilfe anbot; auch schien ihm seine bisherige Bemerkung nicht sehr
mitfühlend, daher fuhr er fort: "aber ansonsten ist Ihnen nichts
passiert? Können Sie gehen? Brauchen Sie etwas? Soll ich vorbeikommen?"
Darüber war nicht nur er selbst überrascht, sondern auch Olga.
Für einen kurzen Moment herrschte Stille am anderen Ende der Leitung.
Dann hörte Olga, mindestens genauso überrascht von ihren eigenen
Worten wie über die von Heinz Rathaus, sich sagen: "Oh, das
ist sehr nett von Ihnen. Vielleicht ein Croissant? Und das neuste Kunstmagazin?"
Warum sie das mit dem Kunstmagazin gesagt hatte wusste sie selber nicht
- sie hatte noch nie eines gelesen - schob es dann aber auf ihren Schmerz
im Fuß und freute sich trotzdem auf das Magazin; sie probierte gerne
etwas neues aus. Mit einem "Geht klar. Gehaben sie sich wohl"
- auch das fand er einmal witzig - legte Heinz Rathaus auf und machte
sich, immer noch überrascht von sich und Olgas Kunstmagazin, auf
den Weg zu ihr. [top]
Seite 13:
Mit einem Fuß schon auf der Straße stehend, dachte sich die
andere, noch im Haus befindliche Seite, dass wenn er schon das Haus und
damit auch seine Scherben und die anderen Schätze verlassen sollte,
er diese auch gleich zu ihrem neuen Ort bringen können; nachdem er
Olga ihre etwas ungewöhnlichen Wünsche erfüllt hatte. Mit
eiligen Schritten hastete er nach oben, raffte die immer noch dem Küchentisch
ausgebreiteten Gegenstände in einen Leinbeutel - den er eigentlich
nicht ausstehen konnte, er kam sich damit immer zu sehr wie ein "ich
tu der Umwelt etwas Gutes, Leinbeutel-Träger-aus-Überzeugung"
vor - und war schon wieder mit einem Fuß auf der Straße. Diesmal
kam ihm dann auch kein weiterer Gedanke, so dass er unbehelligt seinen
Weg fortsetzen konnte. Unterwegs, nachdem er das ihm aufgetragenen Magazin
und Croissant erstanden hatte und sich wieder auf andere Dinge konzentrieren
konnte - er erledigte lieber alles hintereinander, eine typisch männliche
Eigenschaft wie ihm jemand mal gesagt hatte und seither kam er sich damit
sehr männlich vor, hielt er fast schon automatisch Ausschau nach
weiteren Gegenständen; doch scheinbar war er noch nicht in Stimmung
oder es war zu früh am Morgen oder beides. Auf jeden Fall hatte sich
sein Leinenbeutel als er das Haus von Olga erreichte noch nicht weiter
gefüllt.
Ein bisschen aufgeregt - er wusste selber nicht warum, vielleicht lag
es an der Klingel, denn es war eine blaue Klingel und blaue Dinge regten
ihn immer ein bisschen auf, außerdem erinnerte sie ihn an seine
blaue Scherbe - klingelte er bei Olga. Diese strich sich nochmals ihren
neuen chinesischen Kimono glatt, kontrollierte ihre Frisur mit der asiatisch
anmutenden Haarspange und öffnete, ebenfalls ein bisschen aufgeregt
- es war das erstemal, dass sie Heinz Rathaus außerhalb seiner Wohnung
sah - die Tür.
"Ähh. Hallo! Gute Besserung!" Damit streckte Heinz Rathaus
ihr seinen Leinbeutel entgegen. "Danke!" Verwirrt registrierte
sie das Kunstmagazin und die Bäckertüte in der anderen Hand
von Heinz Rathaus und nahm den Leinbeutel entgegen. Ehe Heinz Rathaus
etwas sagen konnte hatte Olga neugierig den Inhalt des Beutels näher
in Augenschein genommen. Irritiert nahm sie die Kronkorken und die Zigarettenschachtel
wahr, befühlte kurz die Murmel und hielt dann die Glasscherbe in
die Höhe. Heinz Rathaus hielt den Atem an, als beobachte er einen
Trapezkünstler wie er in luftigen Höhen einen wagemutigen Sprung
ausführte. "Hübsch", sagte Olga, "als ich klein
war, habe ich am Strand immer nur nach blauen Glasscherben gesucht."
Heinz Rathaus war, als sich seine Lungen entleerten und er neuen Atem
schöpfte, wie wenn er gerade eben erst das Atmen gelernt hätte.
Ohne über das Warum und Wieso nachzudenken - dazu würde er später
noch genug Zeit haben - ließ er das Kunstmagazin fallen, steckte
das Croissant in seine Tasche gleiten, fasste mit einer Hand nach seinem
Leinbeutel und mit der anderen ergriff er die Hand von Olga, die ihn nur
erstaunt ansehen konnte. Mit einer geschickten Drehung, die er niemanden,
am allerwenigsten sich selbst, zugetraut hätte, ließ er die
Tür mit dem Fuß ins Schloss fallen und zog die immer noch sprachlose
Olga humpelnd zur Haustür.[top]
Seite 14:
Was machte er da? Olga war ratlos. Was mache ich da? Auch Rathaus war
ratlos. Er kannte dieses Gefühl; nicht aber mit einer Frau an der
Hand, die auch noch seine Putzfrau war. Er fühlte wie ihm heiß
wurde; er musste etwas sagen, erklären - oder sollte er einfach weitergehen?
Auch Olga wurde es heiß; ihr wurde immer heiß wenn sie aufs
Klo musste. Sollte sie das jetzt sagen? Oder würde das alles zerstören?
Allerdings wusste sie ja gar nicht, was genau überhaupt zu zerstören
wäre. Mit einem Ruck blieb sie stehen. "So geht das nicht!"
Erleichtert, dass sie ihm seine Entscheidung abgenommen hatte, blieb auch
Heinz Rathaus stehen, immer noch wortlos. "Ich meine", stammelte
Olga, "ich muss aufs Klo." Jetzt war ihr noch heißer und
das Gefühl so langsam die Kontrolle zu verlieren bemächtigte
sich Heinz Rathaus. Er konnte nur nicken; doch Olga war bereits wieder
oben an der Tür angelangt und immer noch humpelnd in ihrer Wohnung
verschwunden.
Erschöpft ließ sich Heinz Rathaus auf die oberste Treppenstufe
sinken; was für ein Tag. Sollte das jetzt immer so weitergehen -
dass er Dinge tat, von denen er nicht einmal gewusst hatte, dass man sie
tun konnte? Doch viel mehr interessierte ihn die Frage, ob Olga wohl zurück
kommen würde. Er fühlte sich wie auf einem Zehnmeterbrett mit
einer langen Schlange hinter sich. Er wollte springen, er wollte dass
sie wiederkommt - aber auch fürchtete er sich davor; fürchtete
sich vor dem Aufprall und noch schlimmer, vor die Sekunden davor - wenn
man machtlos durch die Luft gleitet und jeden Moment das Wasser berühren
würde: was sollte er sagen, wenn sie wieder auftauchen würde.
Aber würde sie das überhaupt? War das Klogehen nur ein Vorwand
gewesen? In keinem Film gingen die Akteure aufs Klo! Aber das war kein
Film. Er selber hatte ein besonderes Klo. Ein zufriedenes, leicht debiles
Grinsen breitete sich über seinem Gesicht aus.
Ob Olga das bemerkte als sie aus der Tür trat lässt sich nicht
genau sagen - zumindest ließ sie es sich nicht anmerken. Heinz Rathaus
sprang auf und fühlte sich genau so wie er sich gedacht hatte: wie
wenn man gerade vom Zehnmeterbrett gesprungen ist - oder vielmehr geschubst
worden ist - und nun auf die Wasseroberfläche zurast. Es fühlte
sich gut an; auch wenn er immer noch nicht wusste, was er sagen sollte.
Also sagte er nichts. Auch Olga sagte nichts. Ihr war nun nicht mehr heiß,
sie fühlte sich selbstsicher - vielleicht ein bisschen so, wie wenn
man gerade gesprungen ist und vom Beckenrand noch einmal nach oben blickt
- hatte etwas Make-up aufgelegt und Ihr Zeh pochte nur noch ein wenig.
Schweigend gingen sie also die Treppe hinunter und genauso wortlos die
Straße entlang. Es war kein verlegenes Schweigen mehr. Eher so,
als wären sie schon oft zusammen diese Straße entlang gegangen
und wüssten genau was der andere gerade denkt und fühlt. Das
fühlt sich gut an dachten daher beide.[top]
Seite 15:
Doch irgendwann - genau genommen eine Fußgängerzone und sechseinhalb
Straßen weiter - ist selbst bei dem besten Schweigen die Luft raus,
oder besser gesagt zu viel Luft drin. Mit anderen Worten: Olga war erschöpft
und atmete. Das tat sie gewöhnlich und in der Regel automatisch -
aber eben nicht so laut. Bei einem Nashorn hätte man ihr Luftholen
als Schnaufen bezeichnet; nur gut also, dass Olga kein Nashorn war. Doch
das Ergebnis war das selbe und das gefiel ihr nicht. Daher musste sie
etwas sagen. Nur was? Nach einer Minute Schweigen kann man vielleicht
noch mit dem Wetter anfangen, nach drei über Hunde sprechen, nach
fünf den neusten Roman erwähnen, nach sieben das neuste anspruchsvolle
Sachbuch loben und nach zehn Minuten sinnierenden Schweigens eben dieses
neue Sachbuch kritisieren, widerlegen und eine neuartige Theorie aufstellen.
Aber nach fast einer Stunde wortlosen nebeneinander Hergehens? Taten.
Sie musste handeln. Ein kleines Häufchen näherte sich ihnen,
bzw. sie näherten sich ihm, doch Olga erschien es als würde
Rettung nahen. Einen Moment musste sie sich überwinden - doch dann
zertrat sie - natürlich völlig unabsichtlich - das arme Häufchen.
Sie war froh, dass es wirklich nur ein Häufchen war, denn auch wenn
sie Hunde mochte - alles musste man dann doch nicht an ihnen schätzen.
Sie fluchte. Unter diesen Umständen ist es selbst nach fast einer
Stunde und einer Fußgängerzone und sechseinhalb Straßen
zurückgelegtem Schweigens legitim genau dies zu tun. Daher fluchte
sie. Sie fluchte dezent. Sehr zurückhaltend, dachte Rathaus, der
auch schon des längeren über ein interessantes Thema nachgedacht
hatte - wenn auch erfolglos. Gerne hätte er einen Bleistift zerbrochen,
doch hatte er wie so oft wenn man einen benötigte keinen zur Hand
gehabt. Auch war er sich im Unklaren, ob es wieder so effektiv gewesen
wäre wie im Büro mit der unsympathischen Tür. Doch nun
dezentes Fluchen!
"Sie müssen Ihren Fuß am Gras abwischen, gut das es nur
ein kleiner Hund war, da bin ich sicher" - das Eis war gebrochen.
Fröhlich über Hunde, deren Eigenarten, sowie sich ergebende
Ähnlichkeiten mit ihrer Herrchen und Frauchen plaudernd gingen sie
weiter. Das Fluchen hatte das Schweigen rückwirkend auf drei Minuten
verkürzt und der Schuh war im Grunde auch schon wieder sauber. Inzwischen
waren sie in einer Gegend der Stadt angekommen, die Olga nicht kannte;
es war keine schlechte Gegend, vielmehr eine sehr korrekte und ordentliche
- ein Paradies für meine Branche, dachte Olga. Bestimmt durfte man
hier nur eine Wohnung mieten, wenn man mindestens eine Diplom-Reinigungsfachkraft
auf Lebenszeit angestellt hatte: alles glänzte vor Sauberkeit - selbst
die Gartenzwerge waren poliert und die Geranien an den Balkonen und der
Rasen schienen eher künstlich zu sein, so gepflegt und akkurat geschnitten
waren sie. Zielstrebig ging Heinz Rathaus auf eines der Häuser zu.
Zwar hatte es auch einen Gartenzwerg, doch schimmerte er nur noch matt
und sein Gesichtsausdruck hatte etwas melancholisch-depressives, so als
wäre er sich seines beginnenden Verfalls bewusst. Auch der Rasen
wirkte natürlich und Geranien gab es gar nicht mehr.
"Das Haus meiner Eltern und" - fügte er pathetisch hinzu
- "meiner Jugend." Fast hätte Olga ein "das erklärt
so einiges" gemurmelt, doch hielt sie sich zurück. Hatten sie
den ganzen Weg zurückgelegt, um seine Eltern zu besuchen? Wollte
er ihr einen Job vermitteln? Sie war ein bisschen enttäuscht. Zwar
wusste sie nicht, was sie erwartet hatte - doch das bestimmt nicht. "Sie
wohnen nicht mehr darin", sagte Rathaus in diesem Momente und Olga
entspannte sich; gleichzeitig ergriff sie eine nicht gekannte Unruhe.
Eins, zwei, drei, schiduhhhh - reflexive Entspannung wie sie es aus Joga-zur-Entspannung
kannte. Es half nichts. Aufgeregt lief sie Heinz Rathaus hinterher, der
bereits die Gartentür mit einem kleinen beige-grünen Schlüssel
- er mochte ihn, aus welchen Gründen auch immer - geöffnet hatte
und nun auf den gekiesten Vorgartenweg zur Tür ging.[top]
Seite 16:
Im Inneren des Hauses roch es leicht nach dem undefinierbaren Geruch alter
Menschen. Olga kannte ihn von der Arbeit und immer wenn sie ihn roch fragte
sie sich, ob sie ihn auch noch an sich erkennen würde, wenn es dann
soweit wäre. Außer dem Geruch gab es noch ein paar Möbelstücke,
einen alten Teppich, bezeichnenderweise einen grün-beigen, sowie
eine baufällige Wendeltreppe; ansonsten aber war die Wohnung leer,
ohne Leben und wenn sie Gefühle gehabt hätte, so wären
es depressive gewesen - dessen war Olga sich sicher. So aber war sie einfach
nur leblos - und ein wenig dreckig, wie sie kritisch-professionell feststellte.
"Leben, wir brauchen Leben! Müssen leben!" Mit diesen Worten
stürzte Heinz Rathaus zu den Fenstern, riss die schweren braunen
Vorhänge auf - einige sogar ab - und stieß die Fester auf.
Inzwischen wunderte sich Olga über nichts mehr, auch wenn sie ihn
so aufgekratzt, so voller Elan noch nie erlebt hatte - irgendwie hatte
sie etwas ähnliches erwartet. Daher ging sie nur vom Wohnzimmer in
die kleine Küche, von dort in ein Zimmer, wohl das ehemalige Schlafzimmer,
betrachtete dort kurz das Bild welches dort verlassen an der Wand hing
- eine Berglandschaft mit Hirsch im Vordergrund, "abgrundtief hässlich"
wie sie bei sich dachte - und wollte sich gerade dem oberen Teil des Hauses
zuwenden, als sich nach einem ohrenbetäubenden Krachen eine Staubwolke
durch die Tür drängte. Daher ließ Olga von ihrem Plan
ab und machte der Staubwolke widerwillig, aber doch auch bereitwillig
Platz, nicht aber ohne vorher ein "Alles in Ordnung mit Ihnen, Herr
Rathaus?" in den Flur zu rufen; ganz kapitulieren wollte sie, gerade
auch als Putzfrau, vor dem Staub dann doch nicht. Seine Antwort, bestehend
aus einem einzigen Husten, ging wiederum in ihrem Husten unter, aber zumindest
hatte sie ihn gehört - er lebte also noch.
Nachdem sich der gröbste Staub gelegt hatte überzeugte sie sich
mit einem vorsichtigen Blick um die Ecke, dass sich daran inzwischen nichts
geändert hatte. Das hatte es auch nicht: neben einem Haufen aus Schutt,
Mörtel und Stahl stand Heinz Rathaus; in einer Hand ein Seil, welches
im Schutthaufen endete, in der anderen ein Taschentuch mit dem er sich
- immer noch hustend - das Gesicht abwischte. Jetzt war Olga doch überrascht:
"Hast Du, ich meine haben Sie die Wendeltreppe eingerissen?"
Das Du war ihr so herausgerutscht - irgendwie erschien es ihr nur selbstverständlich,
dass man sich eigentlich zu duzen hatte, wenn man hustend vor den Resten
einer Wendeltreppe stand. Heinz Rathaus schien das auch zu meinen; zumindest
sagte er nur unter Husten "Ja. Sie war hässlich." Und ohne
sich dessen wirklich bewusst zu sein, wie als wäre er im Haus seiner
Jugend plötzlich ein anderer geworden, fügte er hinzu: "Sie
hingegen sind gar nicht hässlich. Wollen wir nicht lieber beim Du
bleiben?" Das war zuviel für Olga. Erst ihr kaputter Fuß,
dann ihr beschmutzter Fuß und Heinz Rathaus voller Leben und einreißender
Gedanken - und nun auch noch ein Kompliment. Das war zuviel für Olga.
Ob es am Staub lag, weil sie es im Kino gesehen hatte, oder auch einfach
nur, weil sie nicht wusste was sie auf dieses überraschende Wendung
hin machen sollte, beschloss Olga in Ohnmacht zu fallen. Und diesmal hinderte
sie kein Krachen oder Staub daran ihren Plan umzusetzen. [top]
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